Descartes’ Gedankengang lässt sich vielleich in kurzer Form so darstellen: der Philosoph macht, wenn er seine Erkenntnis von den sinnlichen Dingen auf sich selbst richtet, die Erfahrung, dass er denkt. Insbesondere erfährt er hier seinen Zweifel, der ihn veranlasste, an der Wahrheit der sinnlichen Erkenntnis zu zweifeln. Dieses Zweifeln führt nach Descartes soweit, dass sogar jeder Wahrheitsanspruch angezweifelt werden muss, sogar die Behauptung 1=1. Einen Sachverhalt kann der Zweifel jedoch nicht berühren, nämlich seine eigene Existenz. An der Tatsache, dass ein Zweifel existiert, kann es keinen Zweifel geben. Erkenntnisobjekt und Erkenntnisvorgang fallen hier zusammen. Soweit, so gut.
Descartes’ Analyse geht jedoch noch einen Schritt weiter. Für Descartes ist es in Ansehung des Zweifels nicht nur evident, dass es den Zweifel selbst gibt, sondern auch, dass es ein “Ich” gibt, das zweifelt. Ich zweifele, also bin ich. Dubito ergo sum. Inklusive der übrigen Erfahrungen des Denkens im Selbstbewusstsein, wie abwägen, schließen, usw. ergibt sich die Erkenntnis des cogito ergo sum. Ich habe ein Bewusstsein von einem Bewusstseinsinhalt in einem Bewusstseinakt.
Aber hat Descartes hier wirklich die vorgeblich benutzte Methode des Zweifelens konsequent eingehalten?
Eigentlich darf der Zweifelnde nicht seine sinnliche Erkenntnis in Frage stellen, denn die Unterscheidung in Sinnes- und Verstandeserkenntnis entspringt ja einer philosophischen Erkenntnistheorie, deren Ergebnisse bezweifelt werden müssen. Der Philosoph sollte daher vielleicht eher von alltäglicher Erkenntnis reden. Die im Alltag gemachten Überzeugungen müssen bezweifelt werden, sollte der Zweifel Methode haben. So gehörte wohl die Unterscheidung in Sinnes- und Verstandeserkenntis zum Alltag Descartes’ als Philosophen.
Ebenso gehört zum Alltag des in der abendländischen Kultur beheimateten Menschen die Vorstellung vom ego cogito. Ich denke, ich rede, ich esse, ich schlafe, ich zweifele, ich bin. Der phänomenologische Befund enthält dieses Ergebnis jedoch noch nicht. Erfahren wird der Akt des Zweifelns. Von diesem Befund aus macht der abendländische Philosoph aufgrund seiner Alltagsüberzeugung die Überzeugung “Ich zweifele”. Wobei ihm dieses “Ich” im höchsten Maße unbekannt ist. Er weiß überhaupt nicht, was es ist, dieses “Ich”. Das einzige, was er weiß, ist, dass es eben zweifelt, denkt, abwägt, urteilt, schließt usw. Daher macht er die Befunde einfach zu seinem Wesen und sagt, dass “Ich” sei eben das, was zweifelt, denkt, abwägt, urteilt, schließt usw. Diese Tätigkeiten werden unter dem Begriff des “Geistigen” zusammengefasst und das “Ich” ist dann das, was diese “geistigen” Tätigkeiten ausübt, also “Geist”. Jetzt noch die philosophische Überzeugung der Substanzmetaphysik und voìla, geboren ist die geistige Substanz, res cogitans.
Mindestens zweimal wurde hierbei die Methode des Zweifels umgangen. Zum Ersten bei der unangezweifelten Übernahme der Alltagserfahrung des “Ichs” als Ausgangspunkt der Vorgänge des Bewusstsein. Zum Zweiten bei der Übernahme der Substanzialität des Ichs als ontologisches Fundament dieser Alltagsüberzeugung.
Der Schluss erinnert an den platonischen. Weil es Wahres gibt, gibt es die Wahrheit als Ausgangspunkt, sozusagen als Quelle, aus der das Wahre ausfließt. Ebenso gibt es das Gerechte nur aufgrund der Gerechtigkeit. Was ist aber das Wesen der Gerechtigkeit? Eben das Gerechte. Der phänomenologische Befund wird zum Wesen stilisiert in einem zweifelhaften Schluss von dem, was erfahren wird auf etwas Anderes, was hinter der Erfahrung stehen soll.
Ebenso der Schluss Descartes’: Weil es das Denken gibt, gibt es ein Denkendes. Was ist das Wesen des Denkenden? Dass es denkt.
Hier wird eigentlich nichts gesagt. Es bezeugt sich lediglich der kindliche Greifreflex. Es wird konstruiert, ein Fundament gebaut für das Haus der Wissenschaften. Für das Dasein und die Erfahrung des Menschen von sich selbst ist hier nichts gewonnen. Es scheint im Gegenteil ein angemessenes Verständnis des Menschen verbaut durch die Annahme einer geistigen Substanz.